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NRW-REPORT |
Freitag, 23. August 2002 |
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Nordrhein-Westfalen Seite
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Arbeit mit Straftätern: „Bei einigen ist
Resozialisierung unmöglich“
Kampf gegen den Knast
Warum es Bewährungshelfer schon
als Erfolg ansehen, wenn nur ein Drittel ihrer Klienten gegen die Auflagen
verstößt
Von Achim Graf
Düsseldorf – Mustafa kommt nicht. Spätestens um elf Uhr hätte er durch
die Tür in den schlichten Besprechungsraum treten und sich auf den Stuhl vor
Brigitte Döschler setzen müssen. Er hätte erzählen müssen, was zurzeit so läuft
in seinem Leben und wie es in Zukunft weitergehen soll. Jetzt zeigt die Uhr halb
Zwölf und Frau Döschler ahnt, was den Mazedonier am Kommen hindert: Er ist
abgeschoben worden. „Jetzt ist es wohl passiert“, sagt sie und zündet sich eine
Zigarette an. Sie klingt recht gefasst dabei, auch wenn sie nicht weiß, was mit
Mustafa, seiner Frau und dem gemeinsamen Kind nun geschehen wird. Sie darf sich
auch nicht so lange damit beschäftigen, denn ihrer Kartei stehen 77 andere
Namen; 77 Lebensgeschichten, mit denen sie sich befassen muss. Nun ist es eine
weniger.
Brigitte Döschler, 52 Jahre alt, arbeitet bei der Düsseldorfer
Bewährungshilfe und gehört damit zu einer Berufsgruppe, deren Arbeit zunehmend
zeitintensiver und schwerer wird. Das liegt daran, dass die Richter immer mehr
Strafen zur Bewährung aussetzen. Waren es im Jahr 1996 noch 40000 so genannte
Probanden, um die sich Döschler und ihre landesweit knapp 700 Kollegen kümmern
mussten, sind es jetzt etwa 45000. Die Bewährungshelfer sollen dafür sorgen,
dass diese Menschen nicht wieder straffällig werden. Wie Justizminister Jochen
Dieckmann (SPD) vor einigen Tagen bekannt gab, misslingt ihnen das in etwa einem
Drittel aller Fälle.
Weil Mustafa nicht gekommen ist, hat Döschler ein wenig Zeit, um über die
Tücken ihrer Arbeit zu sprechen. „Besonders schwierig ist es, die Balance zu
finden“, sagt sie, „die Balance zwischen Hilfe und Aufsicht, Freiheit und
Kontrolle.“ Das Bild von der detektivischen Überwachung der Klienten durch
unangekündigte Kontrollbesuche sei dabei kaum mehr als ein Klischee. Meist geht
es bei der Bewährungshilfe um profanere Dinge: um die Sicherstellung des
Lebensunterhalts des Klienten, Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitsuche oder den
Täter-Opfer-Ausgleich. Außerdem müssen Döschler und ihre Kollegen
Sozialprognosen erstellen und vor Gericht darüber berichten, was sich im Leben
der Probanden gerade tut.
Ziel der Arbeit ist es, dass der Verurteilte lernt, eigenständig zu leben und
die Verantwortung für seine Straftaten zu übernehmen. „Resozialisierung“ heißt
das Stichwort. „Wenn man glaubt, mit Geld, Wohnung und Arbeit sei es getan, ist
das ein grandioser Irrtum“, sagt Brigitte Döschler. Weil dieser Glaube aber
vorherrsche, fehle ihr manchmal die gesellschaftliche Anerkennung für ihre
schwierige Aufgabe. Doch die Sozialarbeiterin klagt nicht: Sie hat gelernt, mit
schweren Arbeitsbedingungen zurecht zu kommen. Bevor sie zur Bewährungshilfe
kam, hat sie in einem Kinderheim und in einem Gefängnis gearbeitet.
Döschler hat den nächsten Gesprächstermin. Der junge Mann, der den Raum
betritt ist schmal, hat ein Kindergesicht und wurde wegen räuberischer
Erpressung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er heißt Christoph und muss bis
Ende 2003 regelmäßig bei Brigitte Döschler vorbeischauen, sonst droht ihm der
Knast. „Keine wirkliche Alternative“, sagt er. Deshalb ist der 22-Jährige
äußerst pünktlich an diesem Morgen und freut sich, dass er seiner
Bewährungshelferin gut Nachrichten überbringen kann: Er wohne wieder bei seiner
Freundin, alles laufe gut, sagt er. Er habe seit Silvester auch keine Schlägerei
mehr gehabt: „Ich vermeide jeglichen Ärger.“
Kosmetik auf Staatskosten
Während Christoph erzählt, nickt Brigitte Döschler zustimmend. „Das hört sich
gut an“, sagt sie manchmal. Die Sozialarbeiterin weiß aber, dass es für den
jungen Mann nicht ganz so einfach werden wird, denn seine Biographie hat es in
sich. Während seiner Kindheit wurde der Junge vernachlässigt und schaute mit
vier Jahren schon Horrorvideos. Mit fünf Jahren wurde er zum ersten Mal von der
Polizei nach Hause gebracht. Wenig später fackelte das Kind einen Stromkasten
ab. Christoph kam ins Heim und beging eine Straftat nach der anderen. „Seine
primäre Sozialisation ist total schiefgelaufen“, sagt Döschler. Jetzt versucht
sie, einige dieser Fehler auszumerzen. Sie will ihm helfen, eine Ausbildung in
der Gastronomie zu machen und seine Angstzustände loszuwerden. Mehr als ihren
Klienten zu motivieren, bleibt ihr jedoch nicht. Eine aktive, zupackende Hilfe
sei von ihrer Seite aus nicht zu leisten, sagt sie. Sie könne Tipps geben,
Briefe formulieren oder einen Therapeuten vorschlagen – finanzieren könnte die
Bewährungshilfe eine solche Behandlung aber nicht. „Früher ging da noch viel“,
erinnert sie sich. „Da wurden schon mal auf Staatskosten Tätowierungen
entfernt.“
Diese Zeiten sind vorbei, das Geld ist knapp. Dabei geht es der
Bewährungshilfe im Land vergleichsweise gut. Während in anderen Bundesländern
gekürzt wird, hat das nordrhein-westfälische Justizministerium in den
vergangenen drei Jahren insgesamt 75 neue Stellen bewilligt. „Das war allerdings
eine primär wirtschaftliche Entscheidung“, sagt Ulrich Öynhausen, NRW-Sprecher
der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Bewährungshelferinnen und - helfer (ADB). Um
den teuren Bau neuer Haftanstalten zu vermeiden, habe man sich in Düsseldorf
dazu entschlossen, lieber die Bewährungshilfe zu stärken. Wenn die Haftstrafen
nicht über zwei Jahre liegen, sollen die Richter sie im Zweifelsfall zur
Bewährung aussprechen – und das tun sie nun in 70 Prozent aller Fälle.
„Mittlerweile stehen drei Mal mehr Leute in NRW unter Bewährungsaufsicht als im
Knast sitzen“, sagt Öynhausen.
Rein ökonomisch betrachtet geht diese Rechnung auf. Während eine
Haftunterbringung mit täglich 70 Euro zu Buche schlägt, koste die Betreuung
eines Klienten auf Bewährung den Steuerzahler lediglich zwei Euro, heißt es im
Ministerium. Für die Bewährungshilfe bedeutet dies allerdings eine gestiegene
Belastung. „Unsere Klientel wird schwieriger“, sagt Öynhausen. Immer häufiger
werden die Betreuer mit Suchtproblemen, psychischen Störungen und offener
Aggression konfrontiert. Auch Justizminister Jochen Dieckmann räumt ein, dass
die Aufgabe zusehends prekärer wird, „da der Anteil der Personen mit besonders
schwer zu bewältigenden Problemen zunimmt“. Dass diese Zunahme zum Teil auch
politisch begründet ist, sagt er nicht. Eine Erfolgsquote von fast 67 Prozent in
2001 hält ADB-Sprecher Öynhausen unter diesen Bedingungen „ganz klar für einen
Erfolg“. Noch Anfang der 70er Jahre scheiterte mehr als die Hälfte der Probanden
vor Ablauf der Bewährungsfrist. Für die Steigerung der Erfolgsquote macht
Öynhausen unter anderem das inzwischen „tragfähige Netz“ aus sozialen
Einrichtungen verantwortlich, mit denen die Bewährungshelfer zusammenarbeiten.
Ganz gleich ob Sozial-, Jugend- oder Drogenberatung. „Wenn da etwas wegfällt,
wird unsere Statistik wieder schlechter aussehen“, sagt Öynhausen.
Tägliches Elend
Doch auch intern macht sich der Berufsverband, in dem fast zwei Drittel aller
NRW-Bewährungshelfer organisiert sind, ernsthaft Sorgen. Bis auf drei Seminare
wurden in diesem Jahr alle Fortbildungsangebote vom Ministerium gestrichen. Der
Bereich Supervision könnte bald völlig wegkippen, befürchtet Öynhausen. Dabei
sei eine professionelle Reflexion über sich und die eigene Arbeit extrem
wichtig. Man müsse sich selbst schützen, angesichts der täglichen Konfrontation
mit Not und Elend, sagt er. „Unsere Leute müssen das alles im privaten Umfeld
loswerden, das kann nicht Sinn der Sache sein.“
Als besonders schwer könnte sich das für Menschen wie Winfried Thielges
entpuppen. Er kümmert sich als Führungsaufsicht um die schwierigen Fälle der
Düsseldorfer Bewährungshilfe, all diejenigen, die etwa wegen schlechter Führung
eine Vollstrafe verbüßten oder eine schlechte Sozialprognose aufweisen.
„Führungsaufsicht ist die Intensivstation der Bewährungshilfe“, sagt Thielges.
Wer bei ihm landet, hat in der Regel die gesamte Kriminalkarriere bereits hinter
sich. Dabei sei mit dem Mörder aus Eifersucht oft leichter umzugehen als mit dem
notorischen Betrüger. „Einer davon brachte es fertig, in drei Tagen Hafturlaub
übers Wochenende ein Büro anzumieten, einen BMW zu leasen und sich eine
Sekretärin über ABM zu organisieren.“ Thielges schwankt zwischen Bewunderung und
Abscheu.
Auch bei seinem heutigen Schützling scheint alle Mühe vergebens. Dabei war
dieser zunächst auf einem guten Weg. Der 55-Jährige hatte nach extremen
Alkoholproblemen einen Entzug gemacht, es geschafft, eine Wohnung anzumieten,
trocken zu leben – und dann einen massiven Rückfall erlitten. Der Ärger mit dem
Vermieter war programmiert, schließlich flog er aus der Wohnung. Nun muss er
dringend etwas neues finden. „Wir haben einen klaren Vereinbarungsplan, aber im
Moment passiert nichts.“ Winfried Thielges blickt zur Uhr, seit 20 Minuten ist
sein Klient überfällig. Der Mann sei dabei, alles zu verlieren, sagt Thielges
leise. „Aber er will das wohl so.“ Der Bewährungshelfer hat gelernt, zu
akzeptieren, dass bei seiner Arbeit längst nicht alles so läuft, wie er sich das
vorgestellt hat.. „Bei einigen ist Resozialisierung unmöglich“, sagt er, „da
machen sie nix mehr.“
Besuch bei der Bewährungshelferin: Christoph schaut regelmäßig bei Brigitte
Döschler vorbei, um mit ihr über seine Zukunft zu reden. Die Sozialarbeiterin
hat dabei gelernt, sich nicht allzu viele Hoffnungen zu machen. Sie weiß, dass
viele ihrer Probanden wieder ins kriminelle Milieu abrutschen.
Fotos: Bernd Ahrens
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